DAV kritisiert geplantes dauerhaftes Kletterverbot

Konflikt am Reußenstein

22.04.2026

Neidlingen / Stuttgart, 22. April 2026 – Die Sicherungs- und Sanierungsarbeiten an der Burgruine Reußenstein bei Neidlingen führen zu wachsender Kritik seitens des organisierten Klettersports. Die DAV Sektionen Schwaben und Stuttgart sehen insbesondere die geplante dauerhafte Sperrung des Kletterfelsens kritisch und fordern eine erneute Prüfung der Entscheidung.

Während die Maßnahmen zur Stabilisierung der Felsen und zur Sicherung der darunter verlaufenden Wege – insbesondere der sogenannten Pfannensteige – weithin als notwendig angesehen werden, stößt eine begleitende Regelung auf Unverständnis: Im Rahmen einer naturschutzrechtlichen Abweichungsentscheidung wurde ein dauerhaftes Kletterverbot für den Reußenstein festgelegt – allerdings nicht als eigenständige Entscheidung, sondern als Nebenbestimmung im Zuge der Sanierungsmaßnahmen.

Kritik an fehlender Abwägung

In einem mit dem Arbeitskreis Klettern und Naturschutz Lenninger Alb erarbeiteten Schreiben an Landrat Marcel Musolf kritisieren die DAV Sektionen, dass eine differenzierte Abwägung zwischen Naturschutz, öffentlicher Nutzung und der traditionellen Nutzung durch den Klettersport nicht erkennbar sei. Stattdessen werde mit der vollständigen Sperrung die weitreichendste Form der Einschränkung gewählt. „Wir haben großes Verständnis für notwendige Sicherungsmaßnahmen und den Schutz sensibler Naturbereiche. Ein pauschales und dauerhaftes Kletterverbot ohne erkennbare Abwägung halten wir jedoch für unverhältnismäßig“, sagt der Vorsitzende der DAV Sektion Schwaben Frank Boettiger.

Die Verbände verweisen auf bestehende Alternativen: Laut den zugrunde liegenden Gutachten gebe es im Umfeld zahlreiche mögliche Flächen für Ausgleichsmaßnahmen, von denen nur ein kleiner Teil überhaupt für den Klettersport relevant sei. Aus ihrer Sicht eröffne dies Spielräume, Naturschutz und Klettern miteinander zu vereinbaren, ohne den gesamten Fels zu sperren.

Bewährte Kooperation zwischen Naturschutz und Kletterszene

Hinzu kommt, dass sich in der Vergangenheit eine enge Zusammenarbeit zwischen Naturschutz und Kletterszene bewährt habe. Zeitlich begrenzte Sperrungen während Brutzeiten oder kleinräumige Einschränkungen seien etablierte Instrumente, die von Kletterern in der Regel akzeptiert und mitgetragen würden. „Kooperative Lösungen wie saisonale Sperrungen oder kleinräumige Lenkungsmaßnahmen haben sich vielfach bewährt. Sie ermöglichen effektiven Naturschutz und erhalten gleichzeitig den Zugang für den Klettersport“, ergänzt Klaus Berghold, Mitglied des Arbeitskreises Klettern und Naturschutz.

Bedeutung für Jugend und Ausbildung

Auch bei der Landratssitzung im Februar betonten die DAV Sektionen die Bedeutung des Reußensteinfelsens als Ort für Sport, Naturerlebnis und Umweltbildung für alle Altersgruppen. Insbesondere für die Jugend ist der Fels ein zentraler Ausbildungsort: Als grundlegender Übungsfels bildet er die Basis für das spätere Klettern und Bergsteigen im alpinen Raum.
„Die Dezernatsleitung hat dafür Verständnis geäußert und ist teilweise selbst aktiv im Bergsport. Daher hoffen wir auf den Erhalt dieses Felsens im Einklang mit Natur und Mensch“, betont Hicham Rouhana von der DAV Sektion Stuttgart.

Der Reußenstein hat für den Klettersport eine besondere Bedeutung: Seit über 100 Jahren wird an den Felsen geklettert, darunter auch historisch gewachsene Mehrseillängenrouten am Burgfels. Gleichzeitig war das Gebiet bislang frei zugänglich; Einschränkungen betrafen zuletzt lediglich einzelne Wege unterhalb der Burg aufgrund akuter Felssturzgefahr.

Für zusätzlichen Unmut sorgt aus Sicht der Verbände der Verlauf der bisherigen Abstimmungen. Zwar habe es bereits Gespräche mit dem Landratsamt gegeben, bei denen punktuelle Ausnahmen in Aussicht gestellt worden seien. Dennoch bestehe weiterhin die Sorge, dass am Ende erhebliche Einschränkungen bestehen bleiben könnten. Entsprechend gering sei aktuell das Vertrauen in eine für den Klettersport tragfähige Lösung.

Forderung nach erneuter Prüfung und verhältnismäßiger Lösung

Die DAV Sektion Schwaben sowie die DAV Sektion Stuttgart vertreten zusammen rund 75.000 Mitglieder und engagieren sich seit Jahrzehnten im Naturschutz sowie in der Ausbildung und Sicherheitsarbeit im Bergsport. Auch am Reußenstein finden regelmäßig Kurse und Ausbildungen statt. Vor diesem Hintergrund fordern die Unterzeichner des Schreibens an den Landrat und den Kreistag eine erneute Prüfung der Entscheidung. Ziel müsse eine differenzierte und verhältnismäßige Lösung sein, die sowohl den Naturschutz berücksichtigt als auch die gewachsene Nutzung des Gebiets erhält.